Das Stress-Monster: Teil II

Im ersten Teil haben wir gesehen, dass es nicht so einfach ist Stress dingfest zu machen. Stress sei neutral, so wurde argumentiert. Leicht kann missverstanden werden, dass Geist (kognitiv) und Körper (biologisch) zwei verschiedene Paar Schuhe seien. Ja, „Stress“ mag in erster Linie Kopfsache sein, Geist und Körper sind jedoch untrennbar (biologisch & kognitive Ebene sind Teil EINES Körpers) – daher werden Kopfsachen immer eine Wirkung auf den Körper haben (und auch anders herum). Es ist diese Trennung, die in der Wissenschaft zu solchen Missverständnissen geführt haben (Versöhnungsversuche wurden -erfolgreich – gestartet, doch alte Wurzeln reichen tief).

Nochmal in kurz: Stress ist neutral – je nach Einstellung ist er entweder schädlich oder förderlich.

Stress – Backstage

 

Stress und sein „Böser Onkel“

Wann „Stress“ im Allgemeinen (v.a. Medien; Beispiel hier, und leider auch in der Akademia) benutzt wird, wird in 95% aller Fälle Chronischer Stress gemeint. Chronischer Stress beeinträchtigt nicht nur die Gesundheit und Lebensqualität, sondern erhöht sogar Sterblichkeit (Keller et al, 2012). (Für eine erweiterte Liste siehe unten). Ist faszinierend zu lesen, doch hier kommt der entscheidende Punkt in Kellers Studie: Erhöhte Sterblichkeit wurde nur für diejenigen Teilnehmer festgestellt, die eine negative Einstellung gegenüber Stress hatten („Ja, Stress ist schädlich für mich“).

Dementsprechend ist es die Einstellung gegenüber Stress, die Stress eigentlich tödlich macht.

Einstellungssache

In wie weit das einen Einfluss auf den Menschen haben kann, wurde in einer nachfolgenden Studie gefunden (Jamieson, Nock, & Mendes, 2013) :

Allein die Einstellung gegenüber Stress hat eine Auswirkung auf den Körper.

herzkranzgefäßeChronischer Stress wurde nur bei den Teilnehmern gefunden, die Stress als „böse“ betrachteten – soweit so, dass der Unterschied auf einer physischen Ebene sichtbar war; Die Herzkranzgefäße der Teilnehmer, die an die „Schädlichkeit“ von Stress glaubten, waren verengt (gesundheitsgefährdend), wohingegen die Herzkranzgefäße bei den anderen Teilnehmern („Stress hat keinen Einfluss auf mich“) normal waren – ja sogar etwas geweitet– ein Zustand wie in Situationen höchster Glückseligkeit (Jamieson, Nock, & Mendes, 2013).

 

Daher auch die ausschweifenden Beispiele in Teil I (Antrag vs Vortrag). Angst und Begeisterung liegen also enger bei einander als man für möglich hält.

Eine weitere Studie von der Uni Yale und Cambridge weißte sogar Unterschiede auf Hormonlevel nach (Crum, Solevey, & Achor, 2013). Das alles nur weil sie den Teilnehmern all das erzählt haben, was ihr bereits schon oben gelesen habt; Stress ist neutral – ihr entscheidet ob er euch schadet oder auch nicht (klinisch kranke Personen mal ausgenommen, denn Depression und Burn-out sind ein Problem, das alleine von Einstellungsveränderung nicht behoben wird und muss von Spezialisten behandelt werden. Ich spreche hier die 95% der Bevölkerung an, die (noch?) nicht diagnostiziert wurden/sind).

Der einzige maßgebliche Unterschied in den oben genannten Studien ist wirklich nur einer: Einstellung. Was sich also im Kopf abspielte hatte einen eindeutigen Einfluss auf den Körper.

Klingt unglaublich, oder? Und es kommt noch härter: Stress könnte dein Freund sein… Mehr dazu in Teil III.

 


 

  Anhang

 

 

Chronischer Stress

Man muss wirklich nicht lange suchen (und jeder weiß das aus eigener Erfahrung), dass Stress nichts Gutes ist. Für alle Nerds, hier warum:

 

Man (das sind Wissenschaftler wie Cohen, Tyrrell & Smith, 1991), dass chronischer Stress die Gesundheit beeinträchtigt und auf Dauer schädigen kann; v.a. weil das Immunsystem wird maßgeblich beeinträchtigt, dass für die Verteidigung des Körpers gegen Schädlinge (z.B. Bakterien, Viren) verantwortlich ist.

Da nun Stress die Wirkfähigkeit des Immunsystems hemmt, wird vermutet, dass Stress auch das Wachstum und Ausbreitung von bösartigen Zellen (i.e. Krebs) fördert (Courtney, Longnecker, Theorell, & de Verdier, 1993).

Chronischer Stress kann auch zu plötzlichen Fluktuationen im Blutzuckerwerten führen. Über verlängerten Zeitraum kann dies zu Gewichtszunahme und sogar Diabetes führen (Lyod, Dyer, Lancashire, Harris, Daniels, & Barnett, 1999).

Chronischer Stress kann zu erhöhtem Blutdruck und höherem Herzrasen führen, erhöhtes Cholesterin und Triglyceridewerte und Blutverdickung. Über Zeit, chronischer Stress kann die Herzkranzgefäße beeinträchtigen (siehe Bild von McGonigals TedTalk oben) und letzten Endes Herzinfarkt begünstigen (Rosengren, Tibblin, & Wilhelmsen, 1991).

Chronischer Stress ist in höchstem Maße verlinkt mit ungesunden Verhaltensweisen (Trinken, Rauchen, etc.) und kann führen zu: Burnout, Depression, Verhaltensstörungen, Schizophrenie… etc.

Und als ob das alles nicht schon genug wäre, hat Keller und Kollegen (2012) kürzlich festgestellt, dass Menschen mit chronischem Stress früher sterben als Menschen, die weniger Stress im Leben verspüren.

Die Liste ist wirklich unerschöpflich, doch kurz um: Chronischer Stress kann im wahrsten Sinne des Wortes tödlich verlaufen.

Doch steckt bitte den Sand nicht in den Kopf und lest Teil III, denn das Bild ist bei weitem nicht so schwarz wie es aussieht !!

 


 

Referenzen

Cohen, S., Tyrrell, D. A., & Smith, A. P. (1991). Psychological stress and susceptibility to the common cold. New England journal of medicine325(9), 606-612.

Courtney, J. G., Longnecker, M. P., Theorell, T., & de Verdier, M. G. (1993). Stressful life events and the risk of colorectal cancer. Epidemiology4(5), 407-414.

Crum, A. J., Salovey, P., & Achor, S. (2013). Rethinking stress: The role of mindsets in determining the stress response. Journal of personality and social psychology104(4), 716.  ==> wohl eines der besten Artikel über Stress (auf Englisch), kostenlos auf Google.scholar.com

Hanin, Y. L. (2003, January). Performance related emotional states in sport: a qualitative analysis. In Forum Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research (Vol. 4, No. 1). (Link: http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/747/1618)

Keller, A., Litzelman, K., Wisk, L. E., Maddox, T., Cheng, E. R., Creswell, P. D., & Witt, W. P. (2012). Does the perception that stress affects health matter? The association with health and mortality. Health Psychology31(5), 677. Lloyd, C. E., Dyer, P. H.,

Lancashire, R. J., Harris, T. I. R. R. I. L., Daniels, J. E., & Barnett, A. H. (1999). Association between stress and glycemic control in adults with type 1 (insulin-dependent) diabetes. Diabetes Care22(8), 1278-1283.

Rosengren, A., Tibblin, G., & Wilhelmsen, L. (1991). Self-perceived psychological stress and incidence of coronary artery disease in middle-aged men. The American journal of cardiology68(11), 1171-1175.

 

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3 Gedanken zu “Das Stress-Monster: Teil II

  1. Pingback: Teil 3: Stress… dein Freund? | Kitchen On Fire
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