9 Gründe, warum der „Tagesbedarf“ nicht ganz ernst zu nehmen ist (Teil 2)

Schon gefrühstückt heute? Mit einem Esslöffel Nutella auf dem Brötchen? Das 8,64345% eures täglichen Bedarfs an Zucker und 20% eures Bedarfs an gesättigten Fettsäuren gedeckt hat? Ja? Dann war es ein gutes und gesundes Frühstück – schließlich deckt das Nutella euren enorm wichtigen Tagesbedarf an diesen zwei Nährstoffen.

In dem Sinne – gib mir mal das Nutellaglas! Ich muss den Tagesbedarf noch vollends decken 😉

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Dass das Unsinn ist, werdet ihr schon gemerkt haben. Die Idee vom „Tagesbedarf“ ist nicht ernst zu nehmen.

 

Nach [Teil 1] heute noch ein paar Gründe:

 

 

5.) Der Tagesbedarf gaukelt uns vor, wir „benötigen“ gewisse Nährstoffe

Ein Beispiel dieses kleine Bildchen hier:proteinbroetchen_tagesbedarf_310x188Es ist eine Art Low-Carb-Brötchen (wahlloses Beispiel) und zeigt uns die Nährstoffverteilung und den Tagesbedarf. Das tun auch Produkte wie Nutella oder Snickers. Es erweckt den Anschein, man „muss/soll“ das Produkt essen, um den Tagesbedarf an Fett oder an Zucker oder an Salz zu decken. Will man das mit seinem Gewissen vereinbaren? „Ich esse dieses Snickers jetzt, da ich einen Tagesbedarf an Zucker habe, dann ist das ja ok?“

Der Tagesbedarf ist hier eine Art Relativierung des Konsums ungesunder Lebensmittel

 

6.) Der Tagesbedarf entspricht nicht dem, was unser Körper WIRKLICH braucht

Braucht unser Körper am Tag 270g Kohlenhyrate und 90g Zucker? Oder falle ich tot um, wenn ich eine längere Zeit unter 200g Kohlenhydrate pro Tag falle (bei mir der Fall)? Oder platzt meine Niere, weil ich den Eiweißbedarf um das drei-bis vierfache übersteige? Logische Frage, teils aus den anderen Punkten zusammengewürfelt, muss aber trotzdem gefragt werden. Einfache Antwort: NEIN!Essen-von-der-Steinzeit-bis-heute_ArtikelQuer

Unser Körper ist eine wunderbare, wandelbare und flexible Stoffwechselmaschine. Er passt sich an unsere Ernährung an. Und wir müssen uns an ihn anpassen. Angepasst ist er an unverarbeitetes, natürliches Essen. Keine kalkulierten Lebensmitteltabellen oder Fertig-Carbonara, die 66% des Ballaststoffbedarfs eines Erwachsenen decken.

Wir können uns an einem Tag 20kg Äpfel gönnen, am nächsten 2kg Schweinefleisch. Unser Körper wird damit umgehen können 🙂

 

 

7.) Was in den Lebensmitteln enthalten ist, entspricht nicht dem, was auch im Körper ankommt (Bioverfügbarkeit)

100g Weizen-Vollkornbrot enthalten 1,4mg Eisen, genauso viel wie 110g geräuchertes Rindfleisch [6]. Allerdings verwertet unser Körper aus dem Brot nur 10-20% des Eisens, aber nahezu 100% aus dem Rindfleisch. Warum? Weizen enthält auch den Antinährstoff Phytinsäure, welcher das Eisen bindet und so unseren Körper daran hindert, das Eisen zu verwerten.[7] Beim Fleisch haben wir das Problem nicht.

Ein Veganer könnte meinen, er deckt mit 700g Vollkornbrot seinen Eisenbedarf. In der Realität kommen von diesen theoretischen 10mg nur 2mg an. Folge: Eisenmangel. Und das, obwohl theoretisch genug Eisen vorhanden wäre. Tagesbedarf und Bioverfügbarkeit sind hier die Gegenspieler, die unsere Gesundheit gefährden können. Das berücksichtigend, müsste der Tagesbedarf auch dahingehend angepasst werden.

 

8.) Der Nährwert der Lebensmittel ist stark von der Zubereitungsart abhängig

Rohes Gemüse enthält mehr Vitamin C als gekochtes Gemüse. Theoretisch sollte der Gehalt der selbe geblieben sein, in der Realität kann der Vitamin C-Gehalt dramatisch sinken je nach Länge und Art des Kochprozesses [8]. Wir denken, 400g rote Paprika deckt den Vitamin C-Bedarf der gesamten Familie. Roh würde das stimmen. Gekocht nicht.kk63273_frittierenistauchkochen

Fehler und Verwirrung als Folge.

 

9.) Unser Körper sagt uns oft, was wir brauchen

Ihr habt sicher schon von dieser Studie gehört, bei der Kinder eine riesige Essenstafel mit allem möglichen Essen vor sich hatten: Die Palette reichte von Junk Food über Müsliriegel und Joghurt bis hin zu Obst und Gemüse. Am Anfang stürzten sie sich natürlich auf ihre Lieblingsessen wie Pasta und Pommes, aber nach ein paar Tagen kam es zu dem erstaunlichen Wandel, dass sie auch zunehmend Gesundes aßen. Als sie nach der Studie (dauerte ein paar Tage) untersucht wurden, wurde klar, dass sie genau das aßen, was ihr Körper brauchte. Sie hörten einfach auf ihr Bauchgefühl.SOS-200250-fotolia

Diese Beobachtung habe ich bei mir auch oft: Vor allem nach Sport sagt mir mein Körper, was er braucht. Wenn ich das unstillbare Verlangen nach Leber und Rotkohl habe, gebe ich dem nach, weil ich wohl Eisen und Eiweiß brauche. Heißhunger äußert sich bei mir (und denke bei den meisten Menschen auch) als Proteinmangel. Wir verwechseln das nur meist (leider) mit Zuckermangel (also Energiemangel).



Das Stichwort hier lautet somatische Intelligenz [siehe Spiegel-Artikel dazu]. Durch Begehrlichkeiten, Lust und Bekömmlichkeit sagt uns unser Körper, was er braucht und was nicht. Menschen hören oft zu wenig auf ihr Bauchgefühl, wenn es ums Essen geht. Bei Kindern ist das nicht so ausgeprägt, das könnte auch der Grund sein, warum sie nicht gerne Spinat essen: Die enthaltene Oxalsäure hemmt die Aufnahme von Eisen, welches Kinder zum Wachstum dringender brauchen als Erwachsene.

 

 

Fazit:

Der Tagesbedarf von Nährstoffen für einen gesunden Menschen ist nur als grober Richtwert zu verstehen. Der Bedarf des Körpers variiert von Mensch zu Mensch, je nach Alter, Geschlecht, Wohnort, Aktivität und Gewicht. Der Gehalt von Nährstoffen in Lebensmitteln variiert stark je nach Zubereitungsart und -dauer, Frischegrad und Herkunft.

Biohacker versuchen, ihre persönliche, perfekte Nährstoffzusammensetzung zu finden und dies umzusetzen, um optimale Gesundheit und Fitness zu erlangen. Hier ist ein persönlicher Tagesbedarf ein hilfreiches Hilfsmittel. Für Otto Normalverbraucher ist der allgemeine Tagesbedarf trotzdem nur grob und sollte auch so aufgefasst werden. Es ist bei einer gesunden und abwechslungsreichen Ernährung nicht nötig, seine Nährstoffe zu notieren/verfolgen, Mängel machen sich meist von allein bemerkbar, wenn sie überhaupt auftreten. Mit einer nährstoffreichen Ernährung wie der Paleo-Ernährung ist ein Mangel sogar schwer zu erreichen.

Und die Lebensmittelindustrie versucht gezielt, durch „Tagesbedürfnisse des Körpers“ uns Verbraucher unter Druck zu setzen, um gewisse Nahrungsmittel (meist verarbeitet) oder Nahrungsergänzungsmittel (z.B. Multivitaminpräparate) zu verkaufen.

Lasst euch also davon nicht verunsichern.

Hört auf euren Körper.

Esst, was gesund ist und meidet, was eurem Körper schadet.

Und meldet euch rechts in der Spalte für den Newsletter an [High five to subscribe!]

 

Ciao 🙂

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2 Gedanken zu “9 Gründe, warum der „Tagesbedarf“ nicht ganz ernst zu nehmen ist (Teil 2)

  1. Wieder mal ein sehr interessanter Artikel von dir.
    Auf den Körper hören halte ich auch für richtig.
    Allerdings klappt das nach meiner Erfahrung erst, wenn der Körper (wieder) gesund ist.
    Gerade bei Übergewicht funktioniert das leider oft nicht gut.
    Guardee

    • Danke Guardee,
      das stimmt, das sollte ich noch hinzufügen. Nach einer Weile Ernährungsumstellung kennt man seinen Körper viel besser als noch am Anfang. Vor der Umstellung interpretiert man auch das Bauchgrummeln ganz anders, z.B. als Heißhunger auf Pizza statt auf Proteine. Nicht zu unterschätzen sind auch die Darmbakterien in der Hinsicht. Je nach Ernährung variieren sie sehr stark und beeinflussen das Nervensystem, je nachdem was sie gewöhnt sind.

      Gruß Martin

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