Die HCG-Diät – Teil 1: Schnurr und K. Wumm auf heißer Spur

I. Eine kuriose Begegnung…

>>Es warbereits Abends als ich mich auf den Heimweg machte. Die Dämmerung war schon längst hereingebrochen und lautlos zog sich der Nebel durch die engen Vorstadtgassen. Ich schlug meinen Kragen hoch und beschleunigte meine Schritte. Raschen Schrittes bog ich in eine düstere Gasse und in der Dunkelheit sah ich den Schatten eines schlanken Mannes lungern. Geheimnisvoll deutete er auf mich und bevor ich ausweichen konnte stand er vor mir und schlug seinen Mantel zurück. In seinen schier zahllosen Innentaschen steckten verschiedenste Arzneiprodukte und allerlei wundersam anmutende Dinge zur Heilung vielfältigster Krankheiten. Er machte mich besonders auf eine Spritze aufmerksam. „Die hat schon so manchen hoffnungsvollen Fällen geholfen,“ raunte er unter vorgehaltener Hand. Und dann, – rasch nach links und rechts blickend- verriet er mir den größten und neuesten Erfolg modernster Diätenforschung…<<

…So berichtete uns unsere neuester Klient mit weiten Augen von seiner mysteriösen Begegnung. Wir, das sind Detektiv Schnurr und Doktor K. Wumm, boten dem hyperventilierenden Herr (der auch seine reichlich angefüllte Frau mitangeschleppt hatet) erstmal eine ordentliche Tasse Tee an (Earl Gray natürlich, was anderes kommt uns nicht ins Haus!!), während wir stumm den Fall abwogen.

Es schien ein Thema zu sein, dass das Ehepaar schon seit lange beschäftigt hatte. Und wer konnte ihnen die Überforderung schon übel nehmen? – Schier endlos scheinen Diäten des 20. Jahrhunderts. Sie sind unglaublich weit verbreitet und zahllose verschiedene werden in den Medien angepriesen und gehören mittlerweile zu den täglichen Lebensgewohnheiten. Natürlich steht es einem jeden frei seinen Lebensstil selbst zu wählen und sich zu ernähren (oder auch nicht) wie man es wünscht. Und wir hätten es ja auch eigentlich dabei belassen, wären da nicht Behauptungen, die ihr besonderes Interesse geweckt haben:

Studien belegen… !!! Es ist wissenschaftlich erwiesen, … !!!“

Bei diesen Worten wurde uns schlagartig die Wichtigkeit dieses Falles bewusst und wir wechselten (wie es nur nach jahrelanger Reifeprüfungen und Erfahrungen geschieht) unruhige Blicke. Nein, es ging nicht um vergleichsweise harmlose Diäten wie z.B. Paleo. Wir sprechen hier von teilweise radikal anmutenden Methoden wie zum Beispiel Hormoninjektionen und VeryLowCalorieDiets (VLCD), die mit knapp 500 kcal am Tag verbunden sind. Eine davon ist die von Promis (von Britney Spears bis Snooky), unterstützen und daher auch recht bekannt: Die HCG-Diät, die mit folglichen Behauptungen aufwartet:

Studien haben belegt, dass die hCG (Injektion und Mundeinahme) Gewichtsverlust sowie die Redistribution von Fett in Menschen ermöglichen. […] Studien zeigen auch, dass hCG in Kombination mit einer 500kcal-Ernährung nicht zu Vitamin oder Protein Defiziten führen. […] Studien belegen, dass die Verabreichung von hCG sicher ist und keine unerwünschten Nebeneffekte hat.“ (Tuntland, 2009)

Daher haben wir beschlossen den Fall aufzunehmen, was schließlich zu diesen Artikel geführt hat. Wir (die Ermittler Schnurr & K. Wumm) möchten daher diese (unserer Meinung nach umfangreichen) Recherchen mit euch teilen. Eben weil es so viel in den Popmedien auftaucht und auch Einzug in unseren Bekanntenkreis gefunden hat, wollten wir dem Konzept auf den Zahn fühlen, was für manche sehr unangenehm werden wird. Obwohl wir diese Diät nach bestem Wissen und Gewissen einer gründlichen Nachforschung unterzogen haben, möchten wir herzlichst dazu anregen, dass sich jeder Leser eine eigene Meinung aus den Beweisen machen – und eigene Nachforschungen anstellen möge.

II. Was ist die HCG Diät?

Human Chorionic Gonadotropin (hCG Hormon) ist ein Hormon, das während der Schwangerschaft bei Frauen produziert wird und dafür sorgt, dass der Fötus Nahrungsstoffe und Energie von der Schwangeren bekommt. Speziell wird hCG aus dem Fettgewebe bezogen.

Der Italiener Dr. Albert T. Simeons entdeckte dieses Hormon in den 1950ern und baute darauf sein bekanntes Simeons Protoll seiner Studien in den 1960ern auf. Er verwendete das Hormon (durch tägliche Spritzen) in Zusammenspiel mit einer 500kcal-Ernährung (2100kJ) um Gewichtsreduktion an fettsüchtigen Jungs mit Fröhlich Syndrom (verbunden mit Fettleibigkeit, Minderwuchs und anderen endokrinen Störungen verbunden). Seine Studien werden noch immer als ein Erfolg gefeiert. Es wurde befunden, dass das Simeons Protokoll

a) zu rapiden Gewichtsverlust führte

b) Patienten nicht schwächt – wie bei gewöhnlichen VeryLowCalorieDiets (d.h. dass sich Patienten nicht kraftlos fühlten und auch keinen Muskelschwund erlitten; konkret wurde befunden, dass Patienten mehr Fett als Muskelmasse verloren)

c) nicht zu übersteigerten Hungergefühlen führte

d) ermöglichte, Fett an Körperteilen, wo es in normalen Diäten am längsten verweilt, zu verlieren (Beine, Hüfte, Arme, Bauch etc)

Die Diät wurde noch verfeinert (Holt 2011, Belluscio, 1994) und auf Normalgewichtige übertragen (wird noch wichtig!!) und findet nun auf der ganzen Welt Anwendung. Heute wird das Hormon auch in Tropfenform als homöopathisches Mittel eingenommen, wobei Simeons ursprüngliche Philosophie (500kcal pro Tag) noch steht.

Speziell wird behauptet, dass so eine VeryLowCalorieDiet (<800 kcal/Tag) durchaus gefährlich ist, aber in Zusammenspiel mit dem hCG Hormon sowie ausreichenden Nahrungsergänzungsmitteln kein Grund zur Sorge besteht. Ein Laie hat es so beschrieben:

Die Tropfen bewirken, dass der Körper den Mehrbedarf durch den Abbau von Körperfett abdeckt, so dass per Saldo kein Energiedefizit vorliegt. Fahrlässig wäre es allerdings, eine 500-Kalorien-Diät ohne Tropfen und ohne zusätzliche hochwertige Nahrungsergänzungen durchzuführen. Vor diesem Hintergrund sollte eine HCG-Diät niemals ohne eine ausreichende Supplementierung mit natürlichen Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen gestartet werden[…]“ (Quelle)


Was hat es daher genau mit dem Hormon auf sich?

Doktor K. Wumm ist in seinem Element:

III. Was ist das HCG Hormon?

Das HCG-Hormon ist ein vom Körper stark verändertes (Glyko-)Protein, welches aus zwei Teilen (oder Untereinheiten) besteht. Die alpha-Untereinheit kommt auch in anderen Hormonen vor, wie beispielsweise TSH und FSH, die den Stoffwechsel und die Fruchtbarkeit regulieren. Die beta-Untereinheit ist einzigartig im Körper. 

Das vollständige Protein wirkt vielfältig im Körper (Fournier et al, 2015; Quelle). Das Hormon kann aber in vielen verschiedenen Formen im Körper vorliegen und hat dann auch verschiedenste Wirkungen (Cole 2009; Quelle, Cole, 2010; Quelle), wie zum Bleistift:

  • es ist Vermittler zwischen der Plazenta und dem Blutstrom der Mutter bei einer Schwangerschaft
  • es induziert spezielle Wachstumsschübe beim Embryo wie die Bildung eines Blutkreislaufes, welcher als  Angiogenese bezeichnet wird
  • es stimuliert die Produktion von Progesteron, einem wichtigen Geschlechtshormon
  • in einer zuckerreichen Form verhindert es in verschiedenen Geweben Zelltod und fördert stattdessen Zellwachstum und Zellbewegung, alles Eigenschaften, welche auch Krebszellen besitzen. Ist diese Form also zu aktiv und zu viel im Körper unterwegs, könnte es mit Krebswachstum in Verbindung gebracht werden
  • es mobilisiert das Immunsystem in und um die Gebährmutter

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass dieses Hormon nur in einem bestimmten Lebensabschnitten vom Körper vermehrt produziert wird, nämlich während einer Schwangerschaft. Dabei, abhängig vom Bedarf und Produktion, schwankt die Produktion des Hormones während der Schwangerschaft ständig. Führt man aber Hormone zusätzlich zu, so wird dem Körper eine Schwangerschaft vorgegaukelt. Der Körper mobilisiert damit also Immunreserven und Energiereserven, um einen Embryo zu „füttern“, welcher nicht existiert. In der Medizin lässt sich beobachten, dass, wann immer ein gesunder Körper zusätzlich mit Hormonen behandelt wird, dies große Auswirkungen auf das körpereigene Hormonsystem haben kann. Damit verbunden kann es zu starken Nebenwirkungen kommen. Bei einem Schwangerschaftshormon sind Nebenwirkungen durchaus zu erwarten, und nicht nur die „erwünschten“ wie Gewichtsverlust oder straffe Haut, sondern u.a. auch starke Stimmungsschwankungen, Heißhungerattacken und fehlerhafte Perioden. Es gibt zahlreiche natürlichere und nachhaltigere Abnehmmethoden. Die Paleo-Ernährung oder Trennkost sind nur zwei davon.

 

Doch was ist mit den Beweisen, die gerne in hCG-Literatur angeführt werden?

Es geht spannend weiter in Teil 2: Es geht ans Eingemachte…

 

Quellenangabe:

Belluscio, 1994: http://hcgobesity.org/research/obesity/obesity_review_full.pdf

Cole, L. A. (2009). New discoveries on the biology and detection of human chorionic gonadotropin. Reprod Biol Endocrinol, 7(8), 1-37.

Cole, L. A. (2010). Biological functions of hCG and hCG-related molecules.Reprod Biol Endocrinol, 8(1), 102.

Fournier, T., Guibourdenche, J., & Evain-Brion, D. (2015). Review: hCGs: Different sources of production, different glycoforms and functions. Placenta,36, 60-65.

Tuntland, 2009: http://www.google.com/patents/US7605122 (Retrieved: 26.12.2014)

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